Königsberger Marzipan

Wenn ich ganz still und andächtig in das Kerzenlicht blicke, dann wird das Licht immer heller und heller. Auf einmal ist es nicht mehr die Wachskerze, sondern die alte Petroleumlampe mit dem Milchglasfuß, die vor mir auf dem ovalen Tisch in dem Wohnzimmer meiner Kindheit in Königsberg brennt. Ihr sanftes Licht scheint über die Decke, über das braune Ripssofa, aus dessen Ecke mich Mohrchen mit bernsteinbraunen Hundeaugen anblickt. Das blanke Uhrpendel des Regulators geht hin und her. Durch die dichtverhängten Fenster mit den weißen Gardinen weht der eisige Hauch des Winterabends bis zu mir, wie ich da auf dem hohen Stuhl sitze.

Ich kaue am Federhalter und starre auf das weiße Blatt vor mir. Schön mit Rotstift ausgemalt steht da in meiner besten Schrift "Wunschzettel" und darunter etwas schief gezogene Linien. Aber wie ich auch immer wieder die Feder in das blaue Tintenfass tauche, mir will nichts einfallen. Zwei dicke Tränen tropfen auf das Blatt.
Hinter mir steht Mutter und flüstert: "Schreibe, morgen ist der erste Advent und Vater muss doch den Zettel zum Weihnachtsmann bringen." Einin Tuschkasten, ein Ballnetz, neue bunte Fausthandschuhe "und eine ganz kleine Puppe mit blauen Schlafaugen."

Ach, kein Wunsch auf dem weißen Bogen an den Weihnachtsmann war so brennend wie der, endlich mit einer langen Schürze meiner Mutter zwischen ihr und den Tanten und Mädchen herumzuständern und heiß und beseligt bei dem großen Familienfest des Marzipanbackens mitzuhelfen.
Kein früher Schulweg zwischen hohen Schneewällen drohte hier vor der sanften Glut des eisernen Deckels mit den glosternden Holzkohlen, der über die blinkende Marzipanpfanne mit den kleinen Figuren des Teekonfekts gestülpt wurde. Mit dem kleinen Blasebalg, den schon die Großmama mit Backfischkrinolinchen mit genau demselben Gefauche seines Lederbalgs bewegt hatte, durfte ich unablässig die stille Glut anfachen.

Was hörte man an so einem Marzipantag an Erfahrungen an längst vergangene Marzipanbäckerei aus längst vergangenen Friedensjahren, ja sogar aus Kriegs- und Notzeiten, wo selbst Königsberger Hausfrauen gezwungen waren, Kartoffelmarzipan mit Mandelessenz zu backen! Und die eine Großtante hatte aus Trauer um ihren seligen Ferdinand sozusagen den Schokoladenguss für die Marzipanherzen erfunden.

Am Abend probierten wir alle noch und gaben sachverständige Urteile ab, wenn sie auch nicht abschließend sein konnten, da das Marzipan ja erst noch in den eiskalten Saal zum Ablagern kam.
Blaugefroren, zitternd vor Kälte standen wir bei gelegentlichen Besuchen im Saal herum, um all die Köstlichkeiten zu bewundern.
Marzipan, das waren wir, die Bürger der Stadt der reinen Vernunft und unserer altberühmten Konditoreien. Marzipan nahm in jedem Königsberger Haushalt einen Ehrenplatz ein.


Agnes Miegel, die große ostpreußische Dichterin, erinnert sich in "Mein Weihnachtsbuch" an die Weihnachtszeit in Königsberg, der Stadt ihrer Kindheit.

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